15.12.2017

Sein Name ist Rico

Lieber Rico, es tut mir leid, dass Sachsen wieder in Verruf geraten ist, und dass so tolle Menschen wie Du darunter leiden müssen.

Tag: 27.08.2015 unser Flieger landet in Istanbul und die Fluggäste, so auch meine zwei Freundinnen und ich, warten darauf, dass wir den Flieger verlassen dürfen.

Währenddessen erhalte ich einen Anruf. Eine Journalistin vom MDR erkundigt sich nach meiner Aktion “Schülergeschenk”. Ich erzähle ihr, dass Menschen entweder selbst in den Schreibwarenladen gehen und dort ein Geschenk erwerben oder Geld auf das Aktionskonto überweisen können, um den Flüchtlingskindern in Thüringen Schulsachen bereitstellen zu können. Ich lege auf. In der Sitzreihe direkt vor mir steht ein Mann auf, dreht sich zu mir um und drückt mir 100 Euro in die Hand. Er hatte das Gespräch mitbekommen. Sein Name ist Rico.

Rico: Nehmen Sie bitte diese 100 Euro und kaufen den Kindern damit Schulsachen.

Ich: Vielen Dank, ich würde allerdings vorschlagen, dass ich mit dem Geld den Flüchtlingen, die in der Nähe meiner Schwiegereltern wohnen, Lebensmittel kaufe. Das mache ich nämlich schon seit ca. 4 Jahren immer, wenn ich in Istanbul ankomme. Diese Menschen haben oft nichts zu essen. Ist es so für Sie in Ordnung? Ich würde das Geld aber auch nur annehmen, wenn Sie mir ihre Kontaktdaten geben und ich Ihnen einen Nachweis darüber senden kann, dass ich das Geld auch wirklich zweckgerecht verwendet habe.

Rico: Wir kommen aus Zwickau (Sachsen). Durch die NSU ist Zwickau sehr in Verruf geraten. Wir wollten schon immer irgendwie helfen, wussten aber nicht wie. Es freut uns sehr, solche Feen wie Sie zu treffen.

Sowohl meine Freundinnen als auch ich waren total verblüfft. Ein fremder Mann aus Sachsen drückt mir 100 Euro in die Hand und bittet damit um Weiterleitung an Bedürftige.

Lieber Rico, es tut mir leid, dass Sachsen wieder in Verruf geraten ist und dass so tolle Menschen wie Du darunter leiden müssen. Denn Gewalt und Rechtsextremismus ist kein sächsisches Phänomen. Flüchtlingsunterkünfte haben auch in anderen Bundesländern gebrannt, nur wird es da nicht so medial ausgeschlachtet. Viele merken eines nicht: sie wenden sich gegen die Stigmatisierung und pauschale Verurteilung von Flüchtlingen – sie tun aber genau das jetzt mit den Sachsen. Sachsen und auch Thüringen, wo ich derzeit wohne haben einen sehr geringen Migrantenanteil. Es gibt wenig Kontakt zu “DEN ANDEREN” und deshalb mehr Vorurteile, die sich meist bei näherem Kennenlernen beseitigen. Und in manchen Dörfern wie bspw. Clausnitz gibt es homogene Nazigesellschaften, die sich mehr erlauben wagen als anderswo. Das geht selbstverständlich nicht.

Auch ich habe ein Jahr in Breitenbrunn (im Erzgebirge) gewohnt und habe viele tolle Menschen kennengelernt und fühlte mich dort gut aufgehoben.

Was ich Dir noch nicht gesagt habe: Du hast unterstüzt. Wir haben die Lebensmittel dorthin gebracht. Nachdem meine Freundinnen gesehen haben, wie schlecht es diesen Menschen geht, haben sie jeweils ebenfalls für 100 Euro Medikamente, Windeln und Babynahrung gekauft. Du siehst, das Gute wächst auch.

Ich hoffe nur, dass wir alle gemeinsam diese schwierigen Zeiten durchhalten werden und dass das Gute in uns Überhand gewinnen wird.

Mit herzlichen Grüßen

Medine Yılmaz – 22.02.2016

AYPA-20160222-Medina-Yilmaz-1000x1245

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*